160.000 Teile für ein neues S-Bahn-Fahrzeug

Delegation des Verbands Region Stuttgart und der DB Regio AG gewinnt Einblicke in die Produktion der neuen S-Bahn-Fahrzeuge ET 430 in Salzgitter

SALZGITTER/STUTTGART: Äußerlich ähneln sie bereits einer S-Bahn. Doch den unlackierten Alu-Wagenkästen ohne Räder sieht man an, dass die neuen S-Bahnen für die Region Stuttgart noch im Rohbau stecken. Türen, Fenster, Sitze – noch Fehlanzeige. Eine Delegation des Verbands Region Stuttgart und der DB Regio AG/S-Bahn Stuttgart hat sich Ende letzter Woche über den Produktionsstand des neuen S-Bahn-Fahrzeugs ET 430 im Alstom-Werk Salzgitter informiert. Ab Ende 2012 sollen die 83 Fahrzeuge schrittweise bei der S-Bahn Stuttgart fahren. Das sieht der Vertrag über den Betrieb der S-Bahn von 2013 bis 2028 zwischen dem Verband Region Stuttgart und der DB Regio AG vor. Die DB Regio AG hat den in Berlin ansässigen Bahntechnikhersteller Bombardier Transportation mit dem Bau der Fahrzeuge beauftragt. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 450 Millionen Euro.

„Mit dem S-Bahn-Vertrag hat die Regionalpolitik langfristig komfortableren, günstigeren und umweltfreundlichen Verkehr gesichert. Wir haben nun einen Eindruck bekommen, wie unsere vertraglichen Vorgaben umgesetzt werden“, sagte Regionaldirektorin Jeannette Wopperer. Der Kaufmännische Leiter und Sprecher der S-Bahn Stuttgart, Hans-Albrecht Krause, wies auf die enorme Komplexität des Entstehungsprozesses hin. „Wir erleben den ET 430 zum Anfassen. Wir sehen, wie kompliziert und aufwändig es ist, ein Eisenbahnfahrzeug zu konstruieren, zu bauen und zuzulassen.“

80 Kilometer Kabel – 160.000 Einzelteile

Rund 70 Konstrukteure von Bombardier Transportation und dessen Subunternehmer Alstom waren an der Entwicklung dieses nagelneuen S-Bahn-Fahrzeugs beteiligt, veranschaulicht der Projektleiter von Bombardier, Dr. Michael Stephan. Jeder S-Bahn-Zug sei aus rund 160.000 Einzelteilen zusammengebaut. 80 Kilometer Kabel würden in den jeweils 68 Meter langen Fahrzeugen verlegt. Neun Fahrzeuge der Baureihe 430 würden in einem aufwändigen Typtest auf „Herz und Nieren“ geprüft. Dabei würden rund 50.000 Kilometer zurückgelegt. Doch ganz so weit ist es noch nicht. In Salzgitter werden derzeit 29 S-Bahn-Fahrzeuge gebaut, 54 weitere werden bei Bombardier in Aachen produziert.

Mit grüner Warnweste, Helm, Schutzbrille und Ohrenstöpseln machte sich die 16-köpfige Delegation ein Bild von der Rohbaufertigung auf dem Firmengelände in Salzgitter. Am Beginn eines jeden Wagenkastens stehen zig Einzelteile aus Alu, die überwiegend in Handarbeit zusammengeschweißt werden. Nach Sandstrahlen, Grundieren und Lackieren wird die S-Bahn-Anmutung deutlicher. Bis Anfang Februar solle der Innenausbau des ersten Fahrzeugs fertig sein. Dann würden die einzelnen Funktio-nalitäten eingebaut – von der Klimaanlage bis zur Bordelektronik. „Wir sind bei der Fahrzeugfertigung absolut im Plan“, sagte Uwe Klüsener, Alstom-Projektmanager.

Unabdingbar ist die Zulassung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA) der S-Bahn-Fahrzeuge des erstmals produzierten Typs ET 430, hob Dr. Michael Stephan hervor. Für den sogenannten „funktionalen Sicherheitsnachweis“ müssen mehr als 90 Sicherheitsvorschriften berücksichtigt werden. Alle Vorschriften, die bis zum Tag der Zulassung in Kraft treten, seien zu beachten. Dies erfordert einen hohen Aufwand im Entwicklungsprozess – vom Rohbau bis zur Software. Unter anderem sind neue Vorgaben für die Bremsanlage zu berücksichtigen oder auch so scheinbar simple Sachen, wie eine Fahrertür, die sich künftig in beide Richtungen öffnet, erläuterte Dr. Stephan beispielhaft. Im Sinne einer frühzeitigen und engen Abstimmung mit der Zulassungsbehörde habe Bombardier gleich nach der Auftragserteilung durch die DB Regio AG im Sommer 2009 Kontakt zum Eisenbahnbundesamt aufgenommen.

Die 83 neuen S-Bahn-Fahrzeuge sind die ersten der Baureihe 430, sie werden also bundesweit erstmals in der Region Stuttgart eingesetzt. Hans-Albrecht Krause betont die komfortable Ausstattung der Züge mit Klimaanlagen und LED-Beleuchtung innen. Zur Verbesserung der Sicherheit werden die Fahrzeuge mit Kameras ausgerüstet sein. Auch ein Reisenden-Informationssystem mit Anzeige von Anschlusszügen in Echtzeit gehört zur Ausstattung. Um den Spalt zwischen Fahrzeug und Bahnsteig besser meistern zu können, können Schiebetritte vor dem Öffnen der Türen ausgefahren werden. Die Stuttgarter S-Bahnfahrzeuge werden damit die ersten in Deutschland sein, die die Anforderungen der europäischen Richtlinie für mobilitätseingeschränkte Personen vollständig erfüllen.

Der S-Bahn-Vertrag

Der Vertrag über den Betrieb der S-Bahn (2013 bis 2018) zwischen dem Verband Region Stuttgart und der DB Regio AG wurde im April 2009 nach einem europaweiten Wettbewerbsverfahren geschlossen. Er sieht unter anderem die Anschaffung von 83 S-Bahn-Fahrzeugen des Typs ET 430 durch die DB Regio AG vor. Diese hat in einem Wettbewerbsverfahren der Firma Bombardier Transportation im Mai 2009 den Auftrag erteilt. Bombardier wiederum arbeitet bei Teilen der Fahrzeugproduktion mit der Firma Alstom als Subunternehmer zusammen. Auf den sechs S-Bahn-Linien in der Region Stuttgart sind täglich rund 330.000 Fahrgäste unterwegs.