24 Sekunden weniger mit großer Wirkung

Bahnen sollen bis Anfang 2011 wieder nach Plan fahren – Weiterhin Einschränkungen auf der S1 und S5

STUTTGART: Vertreter der Deutschen Bahn haben heute im Verkehrsausschuss ein Konzept präsentiert, das wieder einen planmäßigen S-Bahn-Betrieb ermöglicht. Im Zuge der Bauarbeiten für Stuttgart 21 war Ende Juni die Signalisierung im Gleisvorfeld der Station Hauptbahnhof (tief) so verändert worden, dass nur noch 20 statt der sonst 24 Züge pro Stunde und Richtung die Tunnelstrecke befahren können. Dieser Engpass soll nun behoben werden, allerdings erst bis Anfang 2011. Bis dahin gelte weiterhin der Ersatzfahrplan, wonach auf der 15-Minuten-Takt auf der S 5 (Schwabstraße - Bietigheim) entfällt. Die Zwischentaktzüge der S 1 von Plochingen nach Herrenberg werden über die Gäubahn geleitet.

Zähneknirschend nahmen die Regionalräte dies zur Kenntnis. Auch Regionaldirektorin Jeannette Wopperer sprach von ei-nem „absoluten Ärgernis“ für die Fahrgäste und den Verband Region Stuttgart. Sie forderte die Bahn auf, dafür Sorge zu tragen, dass „im weiteren Bauablauf keine derart ungeplanten Beeinträchtigungen mehr entstehen.“ Ebenfalls solle diese sich um einen Ausgleich für die Fahrgäste kümmern.

Die Lösung sei nach aufwändigen Simulationen erarbeitet worden, führte Christian Becker, Vertriebsleiter Südwest der DB Netz AG, aus. Geplant sei, ein Signal im Vorfeld der S-Bahn-Rampe zu versetzen, damit die S-Bahnen möglichst dicht hintereinander fahren können. Dazu ist es notwendig, den Gleisbereich vor der Rampe, mit mehreren Geschwindig-keitsprüfabschnitten auszustatten. Die Detailplanung dafür sei im Gang, so Becker. Wegen der Genehmigungsfähigkeit sei die DB Netz AG mit dem Eisenbahnbundesamt (Eba) in Kontakt. Die vollständigen Unterlagen sollten beim EBA in einer Woche eingereicht werden. Christian Becker zeigte sich zuversichtlich, dass die Lösung genehmigt werde. Die Bauarbeiten mit Sperrung einer Rampe seien für das Wochenende 6., bis 8. November geplant. Das notwendige Material sei bereits bestellt.

Ersatzfahrplan ist momentan „beste Lösung“

Der kaufmännische Leiter und Sprecher der S-Bahn, Hans-Albrecht Krause, entschuldigte sich für die Einschränkungen: „Wir mussten aus den misslichen Gegebenheiten das Beste machen“. Das ganze Desaster der S-Bahn ist darauf zurückzuführen, dass 24 Sekunden im Fahrplan fehlen.“ Beim Schienenverkehr, das sich S-Bahnen sowie Personen- und Güterzüge teilen, handele es sich um ein sensibles Gesamtsystem. Der Ersatzfahrplan sei das Ergebnis eines komplexen Abwägungsverfahrens. „In diesem schlechten Zustand ist dies immer noch die beste Lösung“, so Krause. Für die S 5 seien Notlösungen, wie Halte von Regionalzügen oder Pendelverkehre geprüft worden. Diese seien allerdings nicht rea-lisierbar gewesen.

„Wir wissen, dass wir etwas tun müssen und nicht zur Tagesordnung übergehen können“, sagte Krause im Hinblick auf einen Ausgleich der Fahrgäste. Gespräche mit dem VVS liefen, über ein Entgegenkommen vor allem der hauptbetroffenen Dauerkunden in Tamm und Asperg.

Ulrike Mannhardt (Grüne) betonte: „Das Thema sei mit Entschuldigungen nicht aus der Welt zu schaffen. Diesen Zustand können wir uns in der Region Stuttgart nicht leisten.“ Christoph Ozasek (Linke) machte Stuttgart 21 für die Probleme verantwortlich.

Thomas Leipnitz (SPD) sagte: „Die Situation ist höchst unzufrieden“. Die Probleme der Deutschen Bahn zögen sich wie ein roter Faden durch die Region - von der S 60 bis zu Stuttgart 21. Als Gründe vermutete er eine mangelhafte Planung und schlechte Kommunikation innerhalb der DB-Töchter. Alle mit den Problemen verbunden Kosten müssten von der DB getragen werden.

„Es müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die S-Bahn als Rückgrat des ÖPNV in der Region wieder flott zu machen“, unterstrich Rainer Ganske (CDU). Er forderte einen richtigen Ausgleich für die Hauptbetroffenen. Im Sinne der Fahrgäste sollte das Geld, das der Verband Region Stuttgart für ausfallende Züge spart, gemeinsam mit einem zusätzlichen Betrag der Bahn für Verbesserungen der S-Bahn eingesetzt werden.

Dieser Vorschlag mache Sinn, so Dr. Wolfgang Weng (FDP). Denn der Ausgleich im Einzelfall sei mit einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden. Der Vorschlag von Rainer Ganske wurde einstimmig beschlossen. Auch S-Bahn-Chef Krause zeigte Sympathie für eine Art Sonderpönale, die gegebenenfalls zusätzlich zu einem Ausgleich der Fahrgäste möglich sei.

Bernhard Maier (Freie Wähler) erkannte aus zwei Gründen eine besondere Brisanz. Der Zusammenhang mit Stuttgart 21 und die Tatsache, dass die Probleme „überraschend“ aufgetreten seien machten den Projekt-Befürwortern bei ihrer Argumentation erhebliche Probleme.