Pandemie trifft Hotellerie und Gastronomie in der Region Stuttgart besonders stark

Pandemiebedingte Schließungen führten zu starker Abwanderung von Beschäftigten in andere Branchen. Öffnungsphasen können finanzielle Ausfälle nicht kompensieren.

Die Coronapandemie hat die Gastronomie und Hotellerie in der Region Stuttgart stärker getroffen als andere Teile Baden-Württembergs. Die langen Lockdowns haben bei vielen Unternehmen die Reserven aufgebraucht und die Verschuldung erhöht. Im Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur und Verwaltung des Verbands Region Stuttgart berichtete Jochen Alber, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA Baden-Württemberg über die aktuelle Situation und Aktivitäten.

„Corona hat deutlich gezeigt, was gute Gastronomie wert ist und was fehlt, wenn diese nicht geöffnet ist: Lebensqualität und Charme in den Innenstädten. Wer keine wirtschaftlich und kulturell toten Innenstädte will, braucht gute Gastronomie“, so Alber. Er appellierte in diesem Zusammenhang an die Ausschussmitglieder, Themen wie etwa längere Öffnungszeiten, mehr Optionen für Gastronomie im öffentlichen Raum oder Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Auszubildende, mit in ihre Kommunen und Landkreise zu nehmen.

Hotellerie, Gastronomie und Tourismus sind ein oft unterschätzter Wirtschaftsfaktor. So erwirtschafteten 30.874 steuerpflichtige Betriebe in Baden-Württemberg fast 13 Milliarden Euro. Pandemiebedingt sind 2020 die Umsätze um 38,7 Prozent gesunken. Seit Beginn der Pandemie bis heute kann von einem Verlust in Höhe von zwölf Milliarden ausgegangen werden, was nahezu einem Jahresumsatz entspricht. Die Hilfsprogramme in Höhe von drei Milliarden Euro können dies nicht kompensieren. Im Beherbergungsbereich sind die Umsätze um 45,6 Prozent gesunken, in der Gastronomie um 35 Prozent. 2021 brachte leichte Verbesserungen mit sich, allerdings konnte noch immer nicht das Niveau vor der Pandemie erreicht werden. Der Geschäftstourismus (Messen, Kongresse, Unternehmenstermine und dienstliche Reisen) spielt in der Region Stuttgart eine sehr wichtige Rolle. Viele dieser dienstlichen Termine konnten in den vergangenen zwei Jahren nicht stattfinden. Dadurch gab es in der Hotellerie 2020 einen Rückgang der Übernachtungen um 45,6 Prozent. Auch der überdurchschnittliche Rückgang des Anteils internationaler Gäste (2020, -62,1 Prozent) wirkte sich hier spürbar aus.

Mit Rückgang der Gästezahlen ist auch die Zahl der Beschäftigten in diesen Branchen gesunken. Pandemiebedingte Schließungen haben die Abwanderung in andere Branchen begünstigt. Von 2019 auf 2020 kam es zu einem Rückgang um 17 Prozent (Beherbergungen -15,7 Prozent, Gastronomie -17,5 Prozent). Von Januar bis Oktober 2021 setze sich dieser Trend fort, sodass es einen weiteren Rückgang um 13,9 Prozent gab. (Beherbergungen -11,3 Prozent, Gastronomie -14,9 Prozent). Durch zwischenzeitliche Öffnungsphasen konnten Betriebe mit Außengastronomie teilweise bessere Zahlen als in Vergleichszeiträumen vor der Pandemie erwirtschaften, jedoch unter dem Strich die Ausfälle nicht kompensieren. Die Pandemie wirke wie ein Brennglas für Themen wie Fachkräftemangel und die damit verbundenen Stichworte Ausbildung/Lohn- und Gehaltsgefüge/Arbeitszeit- und Wohnsituation, so Alber. Neben bereits bestehenden Bausteinen wie Akademie und Internat des Gastgewerbes in Bad Überkingen intensivierte der DEHOGA in dieser Zeit seine Aktivitäten zur Unterstützung der Mitgliedsbetriebe laut Alber u.a. durch spezielle Ausbildungsbörsen und vermehrte Betreuung von Betrieben. Zudem wurden gemeinsam mit dem Land Aktionen und Kampagnen wie „WIR GASTFREUNDE“ oder das Gastromobil ins Leben gerufen, die sowohl potenzielle Auszubildende als auch Unternehmen ansprechen und unterstützen.

Stimmen aus den Fraktionen

„Wir wissen, was wir an der Gastronomie haben und wissen auch um die Bedeutung für die Sicherheitsstruktur in den Städten“, betonte Andreas Hesky (Freie Wähler). Daher sei es seiner Fraktion wichtig gewesen, die Gastronomie als eine wichtige Säule im Leben der Städte in den Mittelpunkt zu rücken. Hesky bat darum, sich um konkrete Maßnahmen Gedanken zu machen, „mit denen der Verband Region Stuttgart der Gastronomie einen Schub geben kann.“ Diese sollen gemeinsam mit dem DEHOGA und lokalen Akteuren erarbeitet werden.

Auch Andreas Koch (CDU/ÖDP) bekräftigte die Bedeutung der Gastronomie. „Es geht um Lebensqualität und darum, dass sich sowohl Bewohner als auch Touristen in der Region wohlfühlen.“ Das betreffe auch die Innenstädte insgesamt und die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in der Region. Koch bezeichnete die Gastronomie und Hotellerie als Verlierer der Pandemie. „Vor allem die Folgewirkungen wie Personalmangel werden die Branche noch lange Zeit beschäftigen.“ Koch bewertete es als zentral, nun nicht an Qualität zu verlieren: „Wir wollen eine Genussregion sein, dann dürfen die Produkte nicht von der Stange kommen.“

Einige Betriebe seien besser als andere durch die Pandemie gekommen, so Sabine Kober (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN). „Wenn man näher hinschaut, sind dies Betriebe mit einem ausgezeichneten Verhältnis zu ihrer Belegschaft – das ist einer der Knackpunkte.“ Aufgrund von schlechten Arbeitsbedingungen hätten die Arbeitsplätze der Branche nicht den besten Ruf. „Dies muss erkannt und angegangen werden, zum Beispiel in der DEHOGA-Akademie. Dann kann die Krise gemeistert werden“, konstatierte Kober. Ohne Gastronomie und Hotellerie sei auch der Tourismus nichts.

Dr. Jürgen Zieger (SPD) sah es als unbestritten an, dass der Bereich Gastronomie und Gastwirtschaft zu den gebeutelten Branchen gehöre. „Corona ist aber auch ein Brennglas, unter dem die Branchenprobleme noch einmal deutlich werden, die bisher nicht angegangen wurden“, war Zieger überzeugt. Diese Merkmale wie Arbeitszeiten, Bezahlung und Fachkräftemangel seien nicht pandemiebedingt. Die Branche müsse sich daher selbst reformieren.

Für Volker Weil (FDP) war es „befremdlich, einer Branche, die bis zum Anfang der Pandemie geboomt hat und in der jetzt viele Mitglieder um die Existenz bangen, die Schuld selbst in die Schuhe zu schieben.“ Mit Vorwürfen über die Arbeitsbedingungen solle man daher zurückhaltend sein. „Wir sollten uns überlegen, was wir tun können, um die Rahmenbedingungen in der Region zu setzen“, schloss Weil.

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