Region beschließt Untersuchungen für Ausweitung des ÖPNV-Angebots

Geprüft werden mehr S-Bahn-Fahrten an Samstagen, nachts unter der Woche, mittelfristig auf der S-Bahn-Stammstrecke sowie auf der Schuster- und Teckbahn. Der Regionalverkehrsplan wird an aktuelle Entwicklungen angepasst.

Die S-Bahn ist ein Erfolgsmodell. Nachdem der Verband Region Stuttgart vor 25 Jahren die Aufgabenträgerschaft für den regionalbedeutsamen Schienenverkehr in der Region Stuttgart – insbesondere den S-Bahn-Verkehr – übernommen hat, wurde das Angebot stets weiterentwickelt. Nun sollen weitere Ergänzungen das ÖPNV-Angebot in der Region Stuttgart noch besser machen, so das einhellige Anliegen des Verkehrsausschusses des Verbands Region Stuttgart. Mit diesen Ergänzungen hat sich der Ausschuss Ende Juni in einer Klausursitzung auf Grundlage verschiedener Anträge befasst. Anhand der daraus gewonnen Erkenntnisse beschloss er am Mittwoch einstimmig, eine Ausweitung des S-Bahn-Angebots an Samstagen sowie nachts unter der Woche zu untersuchen. Mittelfristig sollen mit dem digitalen Zugbeeinflussungssystem ETCS mehr S-Bahn-Züge durch die S-Bahn-Stammstrecke fahren. Auch der Ausbau der Schuster- und Teckbahn soll vorangetrieben werden. Dazu sind weitere Untersuchungen vorgesehen.

Im Einzelnen wurde folgende Maßnahmen auf den Weg gebracht:

- Die S-Bahn soll ab 2022 an Samstagen einen 15-Minuten-Takt erhalten. Ein Angebotskonzept, gemeinsam entwickelt mit der DB Regio AG, soll den Weg dahin aufzeigen. Mit einem 15-Minuten-Takt möchte man die Innenstädte in der Region besser erreichbar und damit attraktiver machen.

- Die nächtliche Angebotslücke im S-Bahn Verkehr montags bis freitags zwischen ca. 1 Uhr und 5 Uhr soll verkürzt werden. Dafür möchte die Region ein zusätzliches Fahrtenpaar auf allen S-Bahn-Linien auf die Schiene bringen. Dies wird nun geprüft, insbesondere, ob ein zusätzliches frühes oder spätes Angebot geeigneter ist.

- Der Ausbau der Schusterbahn soll zeitnah vorangetrieben werden. Um hier die Chancen auf das Schienenreaktivierungsprogramm des Landes und auf eine GVFG-Bundesförderung optimal zu wahren, sind zu den bisherigen Erkenntnissen weitere Untersuchungen erforderlich: Insbesondere spielen aktuelle Entwicklungen bei der Markgröninger Bahn eine Rolle, aber auch eine Betrachtung der zukünftigen Betriebsabläufe im Bahnhof Ludwigsburg. Darauf aufbauen kann die notwendige, sogenannte „Standardisierte Bewertung“ als Ermittlung des Nutzen-Kosten-Verhältnisses. Sie ist für die Bundesförderung notwendig.

- Um zukünftig weitere Fahrgäste aufnehmen zu können, werden mehr Zugfahrten aus den Außenbereichen durch die S-Bahn-Stammstrecke erforderlich. Das digitale Zugbeeinflussungssystems ETCS Level 2 ermöglicht auf der Stammstrecke mehr Züge. Es geht mit Inbetriebnahme des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs an den Start. Mittelfristig sollen so 30 Züge pro Stunde und langfristig sogar bis zu 36 Züge pro Stunde fahren. Eine entsprechende Fahrplanuntersuchung für das gesamte Stuttgarter S-Bahn-Netz wird bei der DB Netz AG beauftragt.

- Auch die Nebenbahnen tragen ihren Anteil an der Verkehrswende. In Abstimmung mit den Kommunen soll ein Konzept für die weiteren Ausbauperspektiven der Teckbahn aufzeigen.  

- Zudem soll eine Konzeption über eine Verlängerung der Expressbuslinie X 93 von Göppingen über Bad Boll nach Kirchheim unter Teck mit Anschluss an die S1 erarbeitet werden. Dieses Zeichen setzte der Ausschuss an den Landkreis Göppingen als neues Mitglied im VVS-Verbund.

- Eine mögliche Verlängerung der S5 nach Mühlacker, insbesondere im Hinblick auf noch offenen Fragestellungen, soll gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg und dem Enzkreis untersucht werden.

Auch der Regionalverkehrsplan wird weiterentwickelt. Er ist das Herzstück der regionalen Verkehrsplanung. Mit ihm wird der Bedarf für Maßnahmen in die Verkehrsinfrastruktur und für das Angebot im öffentlichen Personennahverkehr in der Region Stuttgart festgelegt. Er wird nun an aktuelle Entwicklungen angepasst. Beispielsweise sind dies neuere Klimaschutzvorgaben, ein verändertes Mobilitätsverhalten im Zuge der Corona-Pandemie oder durch neue Verkehrsmittel, die Weiterentwicklung des Deutschlandstakts, aktuelle Überlegungen zum Schienenknoten Stuttgart sowie die derzeitigen Verkehrsziele der Landesregierung. Zudem möchte der Verband das Mobilitätsgeschehen zukünftig auch mithilfe von Mobilfunkdaten analysieren.

Stimmen aus den Fraktionen

„Wir wissen alle, welche dramatischen Fahrgasteinbrüche wir haben und wir können nicht mit einem ÖPNV-Rettungsschirm 2022 rechnen,“ sagte Helmut Noë (CDU/ÖDP). Dennoch sei die Zukunftsfähigkeit der S-Bahn wichtig. Bezüglich des Antrags seiner Fraktion, eine mögliche Anbindung des Raums Göppingen mit dem Expressbus X93 an die S1 zu betrachten, sagte er: „Wir sollten ein Zeichen setzten für die Integration des Landkreises Göppingen in den VVS.“ Des Weiteren müsse die Schusterbahn „gesamthaft geplant und auf Wirtschaftlichkeit geprüft“ werden. Hier solle man „vernünftig einen Schritt nach dem anderen machen“. Bei der Zugstrecke nach Mühlacker sieht er an erster Stelle das Land in der Pflicht.

Michael Lateier (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) lobte die Klausursitzung: „Es war sinnvoll, einen Tag lang über den Ausbau von S-Bahn und sonstiger Schiene zu reden.“ Für den Ausbau der Schusterbahn forderte er: „Wir wollen die die Landesförderung gerne mitnehmen und Verbesserungen schnellstmöglich umgesetzt sehen.“ Mehr S-Bahn-Verkehr auf der Stammstrecke bewertete Lateier wie folgt: „36 Züge ja, aber es ist auch wichtig, Stabilität in das System zu bringen.“ Darüber hinaus wünschte er sich auch eine Debatte über längerfristige Maßnahmen wie die Verlängerung der S 5 nach Mühlacker: „Wir sehen ein großes Potenzial für diese Strecke.“ Seine Fraktion wünschte sich eine Behandlung „zeitnah nach Stuttgart 21“.

Bernhard Maier (Freie Wähler) verwies auf den „historischen Beschluss“ der Regionalversammlung Ende Januar 2019, unter anderem über ein „riesiges Maßnahmenpaket“ zur Stärkung des Schienenknotens Stuttgart: „Dieses Paket ist noch nicht im Ansatz finanziert, das erfolgt erst im Laufe des Jahrzehnts.“ Es werde enormen Belastungen nach sich ziehen, auch für die Kreise, so Maier. Angesichts der aktuellen pandemiebedingten Situation regte er an, zukünftig zu überlegen: „Was können und was wollen wir uns noch leisten?“ Bezüglich der S5-Verlängerung wollte er erst abwarten, welchen Verkehr das Land für die Strecke vorsieht.

Thomas Leipnitz (SPD) knüpfte an seinen Vorredner an: „Es geht darum, was wir uns leisten müssen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.“ Er drängte auf ein hohes Tempo, „sonst ist der Zug im wahrsten Sinne des Wortes abgefahren.“ Was die Nacht-S-Bahnen angehe, sei es nicht zu vermitteln, warum Nachtbusse der SSB die ganze Nacht fahren und die S-Bahn hingegen nicht. Leipnitz begrüßte die ETCS-Untersuchung für das gesamte Netz, um Engpässe auf der Zulaufstrecken aufzuzeigen. Der Ausbau der Schusterbahn solle mit Priorität vorangetrieben werden, denn „die Fördermöglichkeiten von Land und Bund sind so günstig wie nie.“

Auch Holger Dorn (AfD) äußerte sich zur Schusterbahn: „Eine abschnittsweise Priorisierung ist gerechtfertigt, in der Summe aber nicht, da der Aufwand hierfür zu hoch ist.“. Nacht-S-Bahnen hielt er für „zu teuer“, ein 15-Minuten-Takt an Samstagen sei hingegen wichtig. Eine Verlängerung der S5 sei grundsätzlich unterstützenswert. „Wir sehen aber keine Notwendigkeit, das Verfahren weiter zu beschleunigen, solange es auf der Agenda bleibt“, meinte Dorn.

„Die FDP steht zum Ausbau der Schusterbahn“, stellte Gabriele Heise (FDP) fest. Man brauche aber mehr Offenheit, zum Beispiel über die notwendige Infrastruktur wie zusätzliche Haltepunkte. Zur S5-Verlängerung solle man mit der Raumschaft wegen Bedenken, dass dann der Metropolexpress eingestellt werden würde, gut abstimmen. Sie begrüßte den umfassenden Überblick, den ihr die Klausursitzung gab.

Michael Knödler (DIE LINKE/PIRAT) konstatierte: „Die Investitionen sind viel Geld, aber es sind Investitionen in die Zukunft.“ Er bemängelte, dass man in Straßenbaumaßnahmen oft größere Summen investiere. „Bei der Nacht-S-Bahn ist es erfreulich, dass es vorwärts geht.“ Dies sei ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Hintergrundinformationen

Aktuell verkehrt die S-Bahn von Montag bis Freitag bereits in einem durchgängigen Viertelstundentakt von 6 Uhr bis 20.30 Uhr. An den Wochenenden gibt es ein durchgehendes Angebot im Nachtverkehr. Mit zusätzlichen S-Bahn-Fahrzeugen ab nächstem Jahr können weitere Angebote bestellt und die Züge verlängert werden. Im Jahr 2019 nutzten die S-Bahn im Schnitt täglich 455.000 Fahrgäste. Die Verkehrsleistung wurde bis 2021 auf 12,1 Millionen Zugkilometer pro Jahr gesteigert.

Ein wichtiger Baustein zum Erreichen der Klimaziele ist der weitere Ausbau des S-Bahn-Netzes als Rückgrat des öffentlichen Personenverkehrs. Daher hat der Verband Region Stuttgart in den letzten Jahren umfangreiche Maßnahmen beschlossenen: Dazu gehören zukünftig unter anderem eine S-Bahn-Verbindung nach Nürtingen, die S62 nach Feuerbach, vier zusätzliche Züge pro Stunde und Richtung durch den Hasenbergtunnel bis Vaihingen (und zwei davon weiter bis Ehningen) , der Viertelstundentakt auf der S60 oder ein Viertelstundentakt auf der S2  nach Fertigstellung der S-Bahn-Verlängerung bis nach Neuhausen. In der Hauptverkehrszeit ermöglichen neue S-Bahn-Fahrzeugen ab 2022 sukzessive mehr Langzüge in Hauptverkehrszeiten. Hinzu kommt der barrierefreie Ausbau von über 30 S-Bahn-Stationen. Die Informationen über das Verkehrsangebot erhalten die Nutzer rund um die Uhr über Video-Reisezentren oder an Mobilitätspunkten. Die S-Bahn-Stationen werden mit Park-and-ride-Angeboten sowie RegioRadStuttgart-Stationen noch besser an das Umfeld angebunden – beides wird gefördert vom Verband Region Stuttgart.

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