S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen mit angepasster Planung beschlossen

Regionalversammlung stimmt Verlängerung der S2 mit gestiegenen Kosten zu. Gesamtkosten auf 209 Millionen Euro prognostiziert. Inbetriebnahme für 2026 avisiert.

Die Inbetriebnahme der S-Bahnverlängerung von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen auf den Fildern wird aufgrund notwendiger Umplanungen, um vier Jahre auf Mitte 2026 verschoben werden. Die Kosten steigen von bisher 125 auf voraussichtlich 209 Millionen Euro. Ein Großteil davon ist verursacht durch steigende Preise in der Baubranche. Eine neue Nutzen-Kosten-Untersuchung bestätigte die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Nachdem der regionale Verkehrsausschuss im Juli auch mit geänderten Rahmenbedingungen für die Weiterführung des Projekts gestimmt hatte, ist die Regionalversammlung heute seiner Empfehlung gefolgt. Die Regionalversammlung sprach sich einstimmig für die Umsetzung des Projekts aus. Dafür nimmt der Verband Region Stuttgart 53,2 Millionen Euro in die Hand. 

Hauptgrund für die Verzögerung ist ein Planänderungsverfahren. Eine Vielzahl an Einwänden und Stellungnahmen aus dem seit 2017 laufenden Planfeststellungsverfahren führten zu Änderungen. Berücksichtigt wurde auch die Option, später einen Viertelstundentakt auf der Strecke fahren zu können. Hierfür gelten verschärfte Anforderungen beim Lärmschutz. Weitere Änderungen beziehen sich vor allem auf aktuelle Anforderungen im Brand-, Umwelt-, Arten- und Hochwasserschutz sowie auf neue Pläne für den Bahnhofvorplatz in Neuhausen. Darüber hinaus kommen freiwillige lärmreduzierende Maßnahmen. Dies und die stark angestiegenen Preise in der Baubranche führen zu erhöhten Gesamtkosten. Darüber hinaus enthält die neue Kalkulation die noch zu erwartenden konjunkturbedingten Baukostensteigerungen bis zur Fertigstellung 2026. Gerade letzteres macht einen wesentlichen Teil der gesamten Kostenerhöhung aus. Damit soll der Förderantrag auf Bundes- und Landesmittel (GFVG-Förderung), der nach dem Erörterungstermin gestellt wird, alle heute bereits absehbaren Kosten enthalten. Alles in allem wird ein Anwachsen der Projektkosten um 84 Millionen Euro auf insgesamt 209 Millionen Euro prognostiziert. Damit steigt der Finanzierungsanteil für die Region von 27,8 Millionen auf bis zu 53,2 Millionen Euro.

Der Verband Region Stuttgart ist Aufgabenträger der S-Bahn und treibt ihren Ausbau in der Region voran. Die S2-Verlängerung nach Neuhausen auf den Fildern ist ein partnerschaftliches Projekt der Region, des Landkreises Esslingen, Filderstadt, der Gemeinde Neuhausen und der SSB. Letztere plant und baut das Infrastrukturvorhaben. Diese Projektpartner müssen der Kostenerhöhung für ihre Anteile ebenfalls zustimmen.

Die zukünftige S-Bahn-Verbindung nach Neuhausen ist eng verbunden mit der Verlängerung der Stadtbahnlinie der U5 von Leinfelden/Bahnhof bis Leinfelden Markomannenstraße sowie der U6 von Fasanenhof bis Flughafen/Messe. Über diese Maßnahmen sind auch die Landeshauptstadt Stuttgart sowie die Stadt Leinfelden-Echterdingen eingebunden. Eine aktuelle Wirtschaftlichkeitsuntersuchung für die S2-Verlängerung, ermittelt im Verbund mit dem Ausbauvorhaben der U6, ergab, dass der volkswirtschaftliche Nutzen auch mit den Planänderungen noch immer knapp über den Kosten liegt. Dies ist eine Voraussetzung für die Förderung mit öffentlichen Geldern.

Stimmen aus der Regionalversammlung

Andreas Koch (CDU/ÖDP) verwies darauf, dass man mit dem heutigen Beschluss die drei Themen aufgreife, die die Bevölkerung in der Region am meisten bewege: „der Straßenverkehr, der öffentliche Nahverkehr und die Luftqualität.“ Mit der Weiterführung des S2-Projekts schaffe man „die Voraussetzung dafür, dass ein Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr erst möglich wird.“ Dies sei allerdings nur ein erster Schritt, dem weitere folgen müssten. „Erst wenn eine attraktive Verbindung von Flughafen und Messe auch ins Neckartal besteht, wird sich eine spürbare Entlastung des Straßennetzes ergeben.“ Die gestiegenen Kosten bezeichnete Koch als „recht dicke Kröte“, die man schlucken müsse. „Jedes Jahr Verzögerung kostet den Steuerzahler Millionen, die sicherlich besser eingesetzt werden können.“ In Bezug auf den Nutzen-Kosten-Indikator betonte er: „In Zeiten, in denen unsere Städte in Staus ersticken, Luftschadstoffe zu flächendeckenden Fahrverboten führen und der ÖPNV an der Kapazitätsgrenze ist, muss der Nutzen eines Schienenbauprojekts neu definiert werden.“

Professor Dr. André Reichel (Bündnis90/Die Grünen) verwies darauf, dass die S-Bahn nach Neuhausen nicht nur lange versprochen, sondern als Schienenverbindung auch unersetzlich für die bessere ÖPNV-Erschließung der Fildern sei. Die Fildern seien der vielleicht „dynamischste Teilraum der Region“, während sie gleichzeitig großen Siedlungsdruck und die wenigsten Schienenverbindungen hätten. Er betonte: „Es dauert heute alles länger und die Kosten am Bau steigen stärker als in der Vergangenheit.“ Deswegen würden die Grünen in den „sauren Kostenapfel“ beißen und dem Zuschussvertrag selbstverständlich zustimmen. Reichel kritisierte die einseitige Verkehrspolitik zugunsten des Autos und der Straße in der Vergangenheit, die früher bereits bestehende Schienenverbindungen auf die Fildern zerstört habe. Der Zuschussvertrag sei ein „deutliches Signal für das Weiterführen der Verkehrswende und für die Schaffung klimafreundlicher Alternativen der Mobilität.“

Die Weiterführung der S2 nach Neuhausen bedarf aus Sicht von Frank Buss (Freie Wähler) „der Akzeptanz der Menschen auf den Fildern, die zurecht die Unterstützung des Verbands Region Stuttgart erwarten.“ Seine Fraktion erwarte vom Bund, dass er das Regelwerk der Standardisierten Bewertungen als Grundlage für Verkehrsprojekte auch an die Lebenswirklichkeiten eines Ballungsraums anpasse. Die gestiegenen Kosten seien den Bürgerinnen und Bürgern dennoch schwer zu vermitteln. Er appellierte: „wenn wir in Deutschland, im Land der Ingenieure und Techniker, nicht schnell Wege finden, um wichtige Infrastrukturprojekte in vernünftiger Zeit zu realisieren, werden wir bei wichtigen politischen Zielen – Umwelt- und Klimaschutz, Verkehrswende, Energiewende – scheitern.“

Michael Makurath (SPD) sagte: „Es sind nun mindestens zwei Jahrzehnte, in denen wir uns einig sind, dass die Verlängerung der S2 auf die Fildern kommen soll.“ Deswegen stimme die SPD dem Zuschussvertrag zu. „Das Projekt wird dringend benötigt.“ Dennoch verfolge die Fraktion die Kostensteigerungen und die Verlängerung der Projektzeit mit großer Sorge. Der Kosten-Nutzen-Index liege trotz optimierter Planung schon jetzt knapp über 1. Von weiteren Kosten sei auszugehen. Makurath plädierte jedoch für einen „Greta-Effekt“ bei der Bewertung von Infrastrukturprojekten. Diese seien gerade im Ballungsraum teurer und langwieriger, aber zwingend notwendig. „In der Regel haben sie positivere Ergebnisse als prognostiziert.“

Stephan Wunsch (AfD) betonte, dass motorisierter Individualverkehr durch vernetzte Mobilitätskonzepte nicht komplett substituiert werden könne. Wie bisher werde auch künftig die Mehrheit der Bürger die Flexibilität und den Komfort des Individualverkehrs vorziehen. „Die Freiheit jedes Einzelnen, sich für ein Verkehrsmittel zu entscheiden, darf in einem freien Land und einer Marktwirtschaft durch staatsdirigistische Eingriffe nicht ausgehebelt werden.“ Nicht nur Schienenprojekte, sondern ebenso Straßenausbauten und -neubauten müssten, natürlich unter sorgfältiger Abwägung aller ökonomischen und ökologischen Aspekte, zügig vorangetrieben werden.

Als neu gewählter Regionalrat zeigte sich Hans-Dieter Scheerer (FDP) „geschockt“ von der Gelassenheit, mit der eine Kostenexplosion von 93 Millionen Euro hingenommen werde. Er erinnerte daran, dass die FDP bereits 2014 aufgrund der damaligen Kostensteigerungen zusätzliche Expertise, etwa in Form eines Controllers, gefordert habe und die Kompetenz der SSB in Frage gestellt habe. „Die FDP stimmt nur mit Bauchschmerzen zu.“

Für Wolfgang Höpfner (DIE LINKE/PIRAT) ist die Streckenverlängerung nach Neuhausen nur dann sinnvoll, wenn sie mit weitergehenden Planungen einer Verlängerung ins Neckartal verbunden ist. „Gemeinsam mit der Reaktivierung weiterer Tangentialverbindungen wie der Panoramabahn und der Schusterbahn, ist es ein notwendiger Schritt, um die Leistungsfähigkeit des Schienennetzes entscheidend steigern zu können.“

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