Strukturbericht Region Stuttgart 2021

Fokus der Analysen rund um die Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung diesmal auf den Auswirkungen von Transformation und Corona-Pandemie

Die Region Stuttgart ist in vielerlei Hinsicht der Motor der baden-württembergischen Wirtschaft. Die grundsätzlich stabile und positive Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung ist jedoch zunehmend geprägt von vielfältigen Transformationsprozessen in Bezug auf Digitalisierung sowie der Mobilitäts- und Energiewende. Zusätzlich zu diesen von technologischen, politischen und sozialen Veränderungen getragenen Prozessen wirkt sich seit März 2020 die Covid-19-Pandemie auf die Wirtschaft, die Unternehmen, die Beschäftigung und die Arbeitswelt in der Region aus. Daher nimmt der Strukturbericht Region Stuttgart 2021, den IG Metall Region Stuttgart, Handwerkskammer Region Stuttgart, Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart und Verband Region Stuttgart am Montag vorgestellt haben, die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den laufenden Transformationsprozessen und der Corona-Krise vertieft in den Blick. Alle Kernbranchen werden untersucht, jedoch bleibt eine der zentralen Fragen: Schafft die Region Stuttgart die Digitalisierung und den Systemwechsel zur Elektromobilität und anderen Antriebsvarianten, um sich weiterhin als erfolgreicher Technologie- und Produktionsstandort zu behaupten?

Beschäftigungsentwicklung

Der langjährige Trend einer stetig sinkenden Arbeitslosenquote ist mit der Pandemie nun zunächst zum Ende gekommen. Für das Jahr 2020 sind für die Region Stuttgart wie auch in Baden-Württemberg und Deutschland insgesamt deutlich höhere Werte als 2019 zu verzeichnen. Im Landkreis Göppingen und im Rems-Murr-Kreis ist die Zahl der Beschäftigten mit Rückgängen von 1,3 und 1,2 Prozent am stärksten gesunken. Die Region gesamt liegt bei einem Prozent. In absoluten Zahlen waren 2020 68.000 Menschen arbeitslos gemeldet – 22.236 Menschen mehr als noch 2019. Dabei ist eine Verstetigung dieser Werte zu beobachten. Betroffen davon sind überdurchschnittlich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter 25 Jahren. Die für die Region erfolgskritische Automobilindustrie zeigte sich indessen mit einem Plus von 1,8 Prozent an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 2019 bis 2020 bemerkenswert widerstandsfähig. Laut IHK-Konjunkturumfrage im Frühjahr 2021 rechnen 46 Prozent der Unternehmen mit einer Verbesserung der Geschäfte und nur drei Prozent mit einer Verschlechterung. Jedoch überträgt sich der Optimismus nicht auf die Einschätzungen zur Beschäftigungsentwicklung. Während 39 Prozent der Unternehmen mit einem Rückgang der Beschäftigten rechnen, wurden in nur sechs Prozent der Unternehmen Einstellungen geplant. Die restlichen 55 Prozent gehen immerhin von einem konstanten Personalbestand aus. Die Verfasser des Berichts gehen davon aus, dass die negativen Erwartungen von allem auf die Unsicherheiten im Hinblick auf die Transformation zur Elektromobilität zu erklären sind. Die strukturellen Herausforderungen würden von der aktuellen Krise überlagert und zusätzlich beschleunigt. Für die ohnehin rückläufige konjunkturelle Entwicklung – die Inlandsproduktion der deutschen Automobilhersteller ging bereits von 2018 bis 2019 um neun Prozent zurück – kam 2020 Corona als Schock obendrauf. Die Produktion wurde teilweise komplett eingestellt und die Kapazitätsauslastung fiel auf historisch niedrige 45 Prozent. Das Instrument der Kurzarbeit zeigte sich hier als probates Mittel, um die Betriebe zu entlasten und Beschäftigung zu erhalten, nicht nur in der Automotivbranche. Dass nicht nur eine Konsolidierung eingetreten ist, sondern wieder mit Wachstum zu rechnen ist, zeigt die Konjunkturumfrage der IHKs für den Herbst: Die Indikatoren deuten hier weiter auf eine positive Entwicklung.

Handwerk als Querschnittsbereich aus Produzierendem Gewerbe und Dienstleistungssektor

Die Handwerkswirtschaft war im Corona-Jahr von einem nur leichten Rückgang von 0,2 Prozent betroffen, nachdem der Umsatz von 2014 bis 2019 jedes Jahr um durchschnittlich 7,1 Prozent gestiegen war. Das Handwerk mit seiner großen Vielfalt an Zweigen und Berufen ist sowohl Teil des Produzierenden Gewerbes als auch des Dienstleistungssektors. Entsprechend heterogen fallen auch die Pandemie-Auswirkungen aus und in der Folge auch strukturelle Effekte auf Aus- und Weiterbildung. Während das Baugewerbe 2020 teilweise sogar positive Effekte verzeichnete, hatten viele andere Gewerbegruppen zu kämpfen. Industrie- und gewerbenahe Handwerksbereiche beispielsweise verzeichneten teils drastische Umsatzeinbrüche ebenso wie personenbezogene Dienstleistungen, die auch von Schließungen betroffen waren.

Dienstleistungen, Handel und Gastrogewerbe

Im Dienstleistungssektor, beschreibt der Strukturbericht, wirkt sich die Corona-Krise sehr unterschiedlich und teils sogar gegenläufig aus. Unternehmensnahe Dienstleistungen wie etwa im Bereich IT waren kaum betroffen oder profitierten sogar, während Handel, Gastgewerbe, Tourismus und Kultur noch langfristig mit den Folgen der Pandemie kämpfen werden. Im Handel wie in der Gastronomie – Bereiche mit traditionell vielen geringfügig Beschäftigten – wurden auffallend viele Stellen abgebaut. Für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wurde dagegen zunächst vor allem auf Kurzarbeit zurückgegriffen. Im Gastgewerbe ist mittlerweile eine Verbesserung der Situation zu beobachten, die jedoch mehr vom Erholungs- und Tagestourismus getragen wird als von Geschäftsreisenden. Für den Erhalt belebter Innenstädte und der Vielfalt des Vor-Ort-Angebots werden gezielte Anstrengungen nötig sein: Das Wachstum des Online-Handels hat sich durch die Pandemie nochmals beschleunigt und betrifft einzelne Bereiche wie Textil- oder Möbelhandel ganz massiv.

Quo vadis Homeoffice?

Mit der zeitweiligen Verpflichtung der Betriebe zum Homeoffice haben sich verschiedene Formen von orts- und zeitflexiblem Arbeiten etabliert. Ähnlich wie während des ersten Lockdowns im April 2020 arbeiteten im Januar 2021 fast ein Viertel der Beschäftigten weitgehend oder ausschließlich im Homeoffice. Insgesamt konnten gerade bei den Unternehmen viele Vorbehalte abgebaut werden und die Erfahrungen im Homeoffice werden überwiegend positiv bewertet – trotz teilweise erschwerter Bedingungen durch Kinderbetreuung und Homeschooling. Während 2017 noch fast 70 Prozent der Meinung waren, dass Homeoffice die Zusammenarbeit mit den Kollegen erschweren würde, galt dies 2020 nur noch für 17 Prozent. Die Mehrheit der Betriebe will nach der Corona-Pandemie mehr Homeoffice ermöglichen. 

Auswirkungen auf die Mobilität

Die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs und des Straßenverkehrs gingen stark zurück: einerseits durch das Homeoffice, andererseits durch den Verzicht auf Fahrten in der Freizeit. Auch Dienstreisen fielen zugunsten virtueller Meetings aus. Laut Strukturbericht wurde oftmals deutlich, dass virtuelle Besprechungen nicht immer eine Notlösung sein müssen. Diese Erkenntnis verbindet sich mit der Hoffnung darauf, dass Arbeiten von zuhause einen Beitrag zur Verkehrswende leisten kann.

Hintergrund: Strukturbericht Region Stuttgart

Der Strukturbericht wird seit mehr als 25 Jahren in einer bundesweit einmaligen Kooperation von Verband Region Stuttgart, Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, Handwerkskammer Region Stuttgart und IG Metall Region Stuttgart herausgegeben. Im zweijährigen Turnus untersuchen die beiden Forschungsinstitute IAW Tübingen und IMU Institut Stuttgart im Auftrag der Herausgeber aktuelle Entwicklungen und die Strukturen von Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart sowie ihren Landkreisen. Die Publikation gibt außerdem Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung und Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes.

Der Strukturbericht 2021 über Wirtschaft und Beschäftigung in der Region Stuttgart kann gedruckt als Lang- und Kurzversion bei der Geschäftsstelle des Verbands Region Stuttgart bestellt werden. Der Bericht und ein Foliensatz mit den entsprechenden Grafiken stehen außerdem zum Download bereit unter: www.region-stuttgart.org/strukturbericht

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