Wasserstoffstrategie für Region Stuttgart beschlossen

Regionalversammlung bringt Kofinanzierungsprogramm für Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologien auf den Weg

Die Zukunft beginnt jetzt: Die nachhaltige Wasserstoffwirtschaft in der Region Stuttgart wird strategisch aufgebaut. Bis 2035 soll der Energieträger in allen Industriesektoren eine wichtige Rolle spielen. Mit diesem Ziel beschloss die Regionalversammlung am Mittwoch die Wasserstoffstrategie für die Region Stuttgart sowie ein neues regionales Kofinanzierungsprogramm zur Umsetzung zukunftsweisender Wasserstoff- und Brennstoffzellenprojekte in der Region Stuttgart. „Es ist ein besonderer Meilenstein in der Geschichte der Regionalversammlung, dass ein so großvolumiges Programm zur Verfügung gestellt wird“, betonte der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS), Dr. Walter Rogg. „Das Förderprogramm kann in dem momentanen herausfordernden Prozess eine große Unterstützung für die Unternehmen sein und zur Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen.“

„Grüner“ Wasserstoff, der auf der Basis von erneuerbaren Energien gewonnen wird, gilt als eines der zentralen Elemente, um die Transformation der Wirtschaft weg von fossilen Energieträgern zu schaffen. Die Regionalversammlung hatte daher im Dezember 2020 einen Betrag von insgesamt 20 Millionen Euro zur Kofinanzierung von investiven Kooperationsprojekten und Maßnahmen für den Einsatz alternativer Energieträger bewilligt – aufgeteilt auf jeweils fünf Millionen Euro pro Jahr. Als Grundlage der nun verabschiedeten Richtlinien zum Kofinanzierungsprogramm dient die regionale Wasserstoff- und Brennstoffzellenstrategie, die im Auftrag der WRS vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie dem Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung erarbeitet wurde. Wichtigste Zielgruppen sind insbesondere öffentlichen Einrichtungen, öffentlichen Eigenbetriebe sowie Industrieunternehmen in der Region. Sie können sich ab sofort mit ihren Projekten um eine Kofinanzierung von bis zu 50 Prozent der Investitionskosten bewerben.

Für eine Unterstützung infrage kommen beispielsweise die Errichtung von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie zur Umwandlung in Wasserstoff oder Elektrolyseanlagen zur Erzeugung grünen Wasserstoffs. Aus dem Bereich Mobilität sind als Projektbeispiele Wasserstofftankstellen sowie die Anschaffung von mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellenfahrzeugen genannt – von Dienstflotten-PKWs über Liefer- und Nutzfahrzeuge und Schwerlasttransporter bis hin zu Bussen und Schienenfahrzeugen.

Ebenso kofinanziert werden können Gebäude- oder Quartiersenergieversorgungsanlagen auf Basis von grünem Wasserstoff. Grundsätzlich ist das Programm für alle Anwendungen der Erzeugung oder Nutzung von Wasserstoff in Industrie, Mobilität oder Städtebau offen.

Mit Wasserstoff als Energieträger und dem Einsatz von Brennstoffzellentechnologien will die Region Stuttgart den Herausforderungen des Klimawandels und des industriellen Strukturwandels begegnen. Sie ist vom Strukturwandel in der Automobilindustrie besonders betroffen. Eine Industrialisierung der mobilen und stationären Wasserstoff- und Brennstoffzellenanwendungen soll hier den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen in der Region sichern. Die regionale Wasserstoffstrategie sieht dafür ausdrücklich die Vernetzung der Akteure im Bereich der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie bei der Entwicklung von Systemen für Erzeugung, Speicherung und Nutzung von Wasserstoff vor, um die aktuell noch vorhandenen Wettbewerbsvorteile zu erhalten und auszubauen. Mit dem Kofinanzierungsprogramm sollen zusätzlich Anreize für einen gezielten Aufbau und eine schnelle Verbreitung von Produktions-, Speicher- und Nutzkapazitäten für Wasserstoff und Brennstoffzellen geschaffen werden. Durch die breite Anwendung dieser Technologien soll auch die Produktion der dafür notwendigen Hardware in der Region Stuttgart etabliert werden.

Voraussetzungen sind gut

Die Region Stuttgart ist bei den Themen „Wasserstoff“ und „Brennstoffzelle“ gut aufgestellt. Neben führenden Forschungseinrichtungen sind in der Region Hersteller und zahlreiche Zulieferer der Fahrzeugbauindustrie in passenden Bereichen tätig. Dies bietet Chancen im Hinblick auf die Entwicklung eines Produktionsclusters. Dabei sind laut einer Studie des Landes die nächsten zwei bis fünf Jahre entscheidend für die Rolle des Standorts Region Stuttgart im zukünftigen Weltmarkt. Gerade die Automobilregion Stuttgart dürfe diese Entwicklung nicht verpassen, wenn kurzfristig die Brennstoffzelle im Zug-, Schwerlastverkehr und in Bussen an Bedeutung gewinnen könnte. Die Region Stuttgart ist bereits „Modellregion Grüner Wasserstoff“ im gleichnamigen Förderprogramm des baden-württembergischen Umweltministeriums und der EU. Dabei geht es nicht nur darum, grünen Wasserstoff als Energieträger voranzutreiben, sondern es sollen auch die damit verbundenen technologischen, wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkte untersucht werden.

Stimmen aus den Fraktionen

Wir sind an einer entscheidenden Wegmarke unserer Wirtschaftspolitik angelangt“, erklärte Andreas Koch (CDU/ÖDP). „Erfolgreich bleiben“ laute die Devise – garantiert werde dies allen voran von der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. „Ein großer Teil der Arbeitsplätze und damit Existenzen hängt an diesen Branchen. Gleichzeitig sind diese Wirtschaftszweige angesichts des Klimawandels und neuer Produktionsmethoden starken Veränderungen unterworfen, da Mobilität CO2-neutral werden muss und die Digitalisierung Produktionsstandorte in Frage stellt“, legte Koch dar. Die Chancen der Region, vom globalen Markt für Umwelttechnologien ein großes Stück abzubekommen seien jedoch hervorragend. Die Hinwendung zu nachhaltiger Produktion sei nicht Ideologie, sondern ökonomische Vernunft zur Sicherung der Arbeitsplätze und ökologische Vernunft zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen. Das Kofinanzierungsprogramm gebe einen kraftvollen Impuls, um das Thema in der Region voranzubringen. Die Strategie sei dafür eine gute Grundlage.

Dr. Ludger Eltrop (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) betonte: „Für eine dekarbonisierte Wasserstoffwirtschaft brauchen wir regenerativen Strom – und zwar möglichst viel, möglichst bald.“ Denn nur grüner Wasserstoff könne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Vielfach sei es dabei effizienter, den Strom direkt einzusetzen z.B. für die Elektrifizierung des ÖPNV. Es sei Aufgabe der Region, die hiesige Wirtschaft dabei zu unterstützen, auf Wasserstoff als klimaneutrale Brenn- und Rohstoff umzusteigen. Für den Durchbruch des Wasserstoffs im System sei es zentral, das regionsspezifische Innovationscluster aus produzierendem Industriesektor, Maschinen- und Anlagenbau sowie innovativen Mittelstandsunternehmen und Forschungs­einrichtungen zu stärken.  „Mit der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Strategie haben wir nun den Rahmen, um unsere politischen Unterstützungs­maß­nahmen entsprechend zielgenau auszurichten“, schloss Eltrop. Das regionale Kofinanzierungsprogramm könne Impulse setzen, müsse aber zielgerichtet evaluiert und gegebenenfalls weiterentwickelt werden.

Für Gerd Maisch (Freie Wähler) wird Wasserstoff einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Energiewende zu meistern. Die Wasserstoffstrategie zeige dabei nicht nur die Chancen auf, sondern auch Rahmenbedingungen, die dafür geschaffen werden müssen. Neben der Regionalpolitik müssten viele ihren Beitrag leisten, um die Energie- und verkehrswende zu schaffen und so seien verschiedene Maßnahmen für verschiedene Gruppen definiert. „Hohe Investitionen sind für die Wasserstofftechnologie erforderlich. Die Region kann und soll dazu ihren Beitrag leisten“, bekräftigte Maisch. Seine Fraktion hätte es doch bevorzugt, erst Unterstützungsfelder und Projekte zu identifizieren und dann zu überlegen, wieviel Geld eingesetzt werden kann. „Mit den erfolgten Modifizierungen am Programm sind wir optimistisch, dass es gelingt, passende Projekte mit klarem regionalem Bezug zu fördern.“

„Die politisch auf den verschiedensten Ebenen definierten Klimaziele sind ein ziemlicher Kraftakt – volkswirtschaftlich, technisch, sozialpolitisch und organisatorisch“, so Dr. Jürgen Zieger (SPD). Die Dekarbonisierung sei nur durch die Ablösung der fossilen Energieträger in der Energieversorgung insgesamt zu erreichen, wobei Baden-Württemberg aktuell im Ländervergleich der grünen Stromproduktion auf den hintersten Rängen platziert sei. „Dem grünen Wasserstoff als einem idealen Speichermedium fällt zur Erreichung der Klimaziele eine Schlüsselrolle zu“, betonte Zieger. Trotzdem halte es seine Fraktion für ein mutiges Ziel der Region, die angestrebte Spitzenstellung in Entwicklung und Produktion von H2-Technologien zu erreichen. Es bedürfe daher deutlich höherer materieller Unterstützung von Bund und Land.  „Die Ressourcen des Verbandes können bestenfalls einen unterstützenden Beitrag leisten“, fasste Zieger zusammen.

Hans Dieter Scheerer (FDP) bezeichnete die Beschlüsse zum Wasserstoff als „kleinen Urknall“. Aus den Atomen des Wasserstoffs sei nach dem Urknall schließlich alles entstanden. Nun gehe es sofort los damit, die notwendigen Investitionen und Entwicklungen für eine nachhaltige Wasserstoffwirtschaft anzustoßen, gerade in einer guten Ausgangslage der Region. Er monierte jedoch, dass das Land die „Modellregion Grüner Wasserstoff“ nur mit zehn statt der erwarteten 31 Millionen Euro unterstütze. Für die Region komme es nicht nur darauf an, selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten Wasserstoff zu erzeugen, sondern vor allem die Technologie rund um den Wasserstoff zu entwickeln.

„Was heute frenetisch gefeiert wird, hält als Technologiepfad einer kritischen Betrachtung nicht stand“, befand Christoph Ozasek (DIE LINKE/PIRAT). Der Gesamtwirkungsgrad von grünem Wasserstoff zwischen Erzeugung und Verwendung entspreche einer „Energievernichtungsmaschine“. Wasserstoff habe das Potenzial, industrielle Kernsektoren zu dekarbonisieren und werde als Rohstoff für die chemische Industrie und in der Stahlproduktion benötigt. Ozasek erläuterte jedoch: „Die Region Stuttgart wird kein Standort für Wasserstoffproduktion sein. Baden-Württemberg ist Energieimportland.“ Eine im Zuge der Modellregion beschriebene Neckar-Wasserstoffpipeline beinhalte unzählige Zielkonflikte.

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