Wie sind die Menschen in der Region Stuttgart unterwegs? Eine neue, regionsweite Mobilitätserhebung liefert aktuelle Zahlen, die am Mittwoch im Verkehrsausschuss des Verband Region Stuttgart präsentiert wurden. Der Radverkehr hat seit 2010 deutlich zugelegt und seinen Anteil an den zurückgelegten Wegen nahezu verdoppelt. Auch der Fußverkehr und der öffentliche Verkehr verzeichnen leichte Zuwächse. Gleichzeitig bleibt der Pkw das meistgenutzte Verkehrsmittel. Insgesamt werden 49,5 Prozent aller Wege mit dem Auto zurückgelegt. Für die Untersuchung zum Mobilitätsverhalten wurden 2025 rund 13.500 Menschen aus etwa 6.300 Haushalten befragt. Von mehr als 9.000 Personen liegen Wegetagebücher mit Informationen über rund 185.000 Wege vor. Damit erhält der Verband Region Stuttgart eine neue Datengrundlage für die Weiterentwicklung des Regionalverkehrsplans und das neue regionale Verkehrsnachfragemodell.
Die Haushaltsbefragung fand 2025 in zwei Erhebungswellen statt: von Mai bis Juli sowie von September bis November. Möglichst alle Haushaltsmitglieder ab sechs Jahren sollten jeweils eine Woche lang über ihre Mobilität berichten. So konnten Unterschiede im Verkehrsverhalten innerhalb einer Woche und Zusammenhänge zwischen den Wegen der Haushaltsmitglieder berücksichtigt werden.
Die Ergebnisse beziehen sich auf die Mobilität der Einwohnerinnen und Einwohner der Region und umfassen auch deren Wege aus der Region heraus. Wege von Menschen, die außerhalb der Region wohnen und beispielsweise zum Arbeiten oder für einen Besuch in die Region kommen, sind nicht enthalten.
Fast die Hälfte der Wege mit dem Auto
Im Durchschnitt legen die Menschen in der Region 2,9 Wege pro Tag zurück, werktags sind es 3,1 Wege. Hochgerechnet entspricht das rund 7,49 Millionen Wegen täglich, an Werktagen rund 8,17 Millionen.
Ein Weg dauert im Durchschnitt rund 29 Minuten, montags bis freitags sind es etwa 27 Minuten. Insgesamt verbringen die Einwohnerinnen und Einwohner ab sechs Jahren täglich rund 84 Minuten mit ihren Wegen. Betrachtet man nur diejenigen, die an einem Tag die Wohnung verlassen, liegt die tägliche Unterwegszeit bei rund 97 Minuten – also gut eineinhalb Stunden.
Bei der Verkehrsmittelwahl entfallen 38,4 Prozent der Wege auf selbst gefahrene Pkw und weitere 11,1 Prozent auf Mitfahrende. 24,8 Prozent der Wege werden zu Fuß zurückgelegt, 13,6 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und 11,3 Prozent mit Fahrrad oder Pedelec.
Im Vergleich zur Erhebung von 2010 zeigt sich eine Verschiebung: Der Anteil des Radverkehrs hat sich nahezu verdoppelt. Auch öffentlicher Verkehr und Fußverkehr gewinnen jeweils etwa einen Prozentpunkt hinzu, während der Anteil der Pkw-Wege leicht zurückgegangen ist.
Bei den zurückgelegten Entfernungen bleibt der motorisierte Individualverkehr dagegen klar bestimmend: Auf ihn entfallen rund 65 Prozent aller Personenkilometer. Die Verteilung der Verkehrsleistung zwischen motorisiertem Individualverkehr und dem Umweltverbund aus öffentlichem Verkehr, Rad- und Fußverkehr hat sich seit 2010 insgesamt kaum verändert.
Kurze Wege prägen die Mobilität
Mehr als die Hälfte aller Wege, rund 54 Prozent, ist höchstens fünf Kilometer lang. Rund 35 Prozent haben eine Länge zwischen fünf und 25 Kilometern, etwa zehn Prozent sind länger als 25 Kilometer. Die durchschnittliche Wegelänge liegt bei 13,2 Kilometern. Der Anstieg gegenüber 2010 ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass in der aktuellen Erhebung mehr Urlaubstage mit überdurchschnittlich langen Wegen erfasst wurden. Ohne diese Berichtstage beträgt die durchschnittliche Wegelänge rund 11,7 Kilometer. Auch bei der Ausstattung der Haushalte zeigt die Untersuchung Veränderungen. Mehr als 90 Prozent der Haushalte besitzen mindestens einen Pkw. Rund vier Prozent der Bevölkerung haben eine Carsharing-Mitgliedschaft. Die höchsten Mitgliedschaftsquoten weist die Stadt Stuttgart auf: Knapp acht Prozent der Bevölkerung sind bei stationsbasierten Angeboten angemeldet, rund 13 Prozent bei Angeboten ohne feste Stationen, dem sogenannten Freefloating-Carsharing. Gleichzeitig verfügen inzwischen etwa 31 Prozent der Befragten über ein Pedelec oder E-Bike, 68 Prozent besitzen ein Fahrrad. Knapp 30 Prozent der Bevölkerung nutzen das Deutschlandticket.
Homeoffice und rollenverteilung zwischen den Geschlechtern
Auch das Arbeiten von zu Hause prägt die Mobilitätsnachfrage. Rund 69 Prozent der befragten Erwerbstätigen haben grundsätzlich die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten; rund 64 Prozent nutzen sie tatsächlich. Rund 23 Prozent der Erwerbstätigen verbringen bis zu einem Fünftel ihrer Arbeitszeit im Homeoffice, weitere 28 Prozent zwischen einem und drei Fünfteln. Bei 13 Prozent liegt der Anteil noch höher. Annähernd 70 Prozent sind mit dem Umfang ihrer Homeoffice-Möglichkeiten grundsätzlich zufrieden. Eine nach dem Geschlecht differenzierende Auswertung der Mobilitätsanlässe verdeutlicht, dass sich die traditionelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern weiterhin im Mobilitätsverhalten widerspiegelt: Während die Anteile der Wegezweckgruppen „Arbeit + Dienstlich“ und „Einkauf + Erledigung + Bringen/Holen“ bei den Männern bei rund 22 % und 28 % liegen, betragen die entsprechenden Anteile bei den Frauen etwa 16 % und 32 %. Im Vergleich zu früheren Erhebungen ist hier jedoch eine beträchtliche Angleichung erkennbar.
Nähe zur Schiene verändert die Verkehrsmittelwahl
Deutlich wird in der Untersuchung auch der Zusammenhang zwischen der Erreichbarkeit des Schienenverkehrs und der Wahl des Verkehrsmittels. Wer in fußläufiger Entfernung zu einem Schienenhalt wohnt, nutzt häufiger den Umweltverbund aus öffentlichem Verkehr, Rad- und Fußverkehr. In Stuttgart beträgt der Unterschied gegenüber Wohnlagen ohne fußläufig erreichbaren Schienenhalt 17 Prozentpunkte, in den fünf Umlandlandkreisen 14 Prozentpunkte.
Neue Grundlage für die Verkehrsplanung
Die neuen Mobilitätsdaten fließen in ein regionales Verkehrsnachfragemodell ein. Dieses soll im Sommer 2027 einsatzbereit sein und eine Grundlage für die mittelfristige Anpassung des Regionalverkehrsplans bilden.
STIMMEN DER FRAKTIONEN
| CDU/ÖDP | Rainer Brandt sieht es positiv, dass trotz der Probleme beim ÖPNV, kaum ein Rückgang der Fahrgäste zu verzeichnen ist. „Klar ist aber auch, der motorisierte Individualverkehr hat die größte Bedeutung und ist das Hauptverkehrsmittel“, so Brandt weiter. „Wir sollten darauf auch unser Augenmerk legen.“ |
| BÜNDNIS90/ DIE GRÜNEN | „Es bewegt sich etwas beim Modal Split – zu Gunsten des Umweltverbundes“, so Michael Lateier. „Den größten Zuwachs gibt es beim Radverkehr. Hier wurden auch die meisten Maßnahmen umgesetzt.“ Das zeige deutlich. „Dort wo ein Angebot geschaffen wird, wird es auch angenommen.“ |
| FREIE WÄHLER | „Die Aktualisierung der Mobilitätsdaten ist richtig und wichtig“, so Rainer Gessler. Gerade der Anstieg beim Radverkehr sei sehr erfreulich. „Wir brauchen diese Daten für unsere Planungen.“ |
| AFD | Für Dr. Michael Mayer zeigen die Zahlenmaterialen deutlich: „Der motorisierte Individualverkehr bleibt ein wichtiges Verkehrsmittel.“ Es sei die Kernaufgabe des Verbandes für ein bürgerfreundliches Verkehrssystem zu sorgen. |
| SPD | „Wir sind für den Schienennahverkehr, zuständig und so müssen wir die Zahlen auch bewerten“, sagt Michael Makurath. „Vor allem müssen wir den engen Zusammenhang zwischen der Nähe zu einer Schienenhaltestelle und der Nutzung der Verkehrsmittel im Auge behalten.“ |
| FDP | „Der Fußverkehr wird häufig unterschätzt, dabei spielt er eine wichtige Rolle gerade bei der Erreichbarkeit von Haltestellen“, so Gabriele Heise. Da man nicht überall einen Schienenhaltestelle hinbekomme, gelte es, das Zusammenspiel zwischen Bus und Bahn genauer zu betrachten. |
| DIE LINKE. SÖS. PIRATEN | Für Sebastian Stark sind die Zahlen vor allem für die Frage der Priorisierung von Maßnahmen wichtig. „Hier wäre es ideal, wenn wir die Pendlerwege noch detaillierter auswerten könnten.“ |